04. November 2020

Die Corona-Lage in Nordsachsen: Zehn Fragen an Landrat Kai Emanuel


Die Corona-Zahlen steigen beständig. Mit rund 100 Fällen pro 100.000 Einwohnern in sieben Tagen liegt auch Nordsachsen inzwischen deutlich über dem Schwellenwert von 50 Infektionen. Landrat Kai Emanuel gibt Antwort auf zehn Fragen zur aktuellen Lage im Landkreis.

 

Frage: Halten Sie die gegenwärtige Entwicklung für beängstigend?

Kai Emanuel: Angst ist ein schlechter Ratgeber. Respekt ist der bessere Begriff. Und der gebietet es auch, sich die Zahlen genauer anzuschauen. Die Positivfälle betragen wie im Frühjahr rund fünf Prozent aller Getesteten. Die Tendenz ist jetzt allerdings wieder steigend – was auch daran liegt, dass sich Viren in der kühleren Jahreshälfte bekanntlich wohler fühlen. Entscheidender als die schwer vergleichbaren absoluten Zahlen finde ich daher, ob wir verhindern können, dass sich das neuartige Corona-Virus so gefährlich verbreitet, dass es unser Gesundheitswesen an die Grenzen seiner Belastbarkeit bringt.

 

Wie schwer erkranken denn die Menschen in Nordsachsen an dem neuartigen Virus?

Das ist in Nordsachsen nicht anders als anderswo: Jüngeren macht das Virus oft weniger aus, etwas ältere Leute bewältigen eine Erkrankung meist im häuslichen Umfeld. Richtig gefährlich wird die durch das Virus hervorgerufene Krankheit Covid-19 hingegen für betagte Senioren und Risikopatienten mit entsprechenden Vorerkrankungen.

 

Ist jetzt auch mit mehr Todesfällen zu rechnen?

Aufgrund der schweren Vorerkrankungen lässt sich oft nicht eindeutig sagen, ob jemand an oder mit Corona verstorben ist. Den betroffenen Familien wird das letztlich auch egal sein, für sie bleibt es so oder so ein trauriges Ereignis. Statistisch gesehen sterben in Nordsachsen jährlich rund 2.800 Menschen. Covid-19 würde mit derzeit drei Fällen also eher zu den seltenen Todesursachen gehören. Ich hoffe sehr, dass es so bleibt.

 

Wie ist die Lage in den Krankenhäusern?

Die Krankenhäuser der Region arbeiten koordiniert im Verbund, insbesondere die Uniklinik und das Klinikum St. Georg in Leipzig nehmen Covid-19-Patienten auf. Alle anderen Krankenhäuser halten ebenfalls spezielle Intensivbetten bereit und könnten deren Anzahl auch noch aufstocken, sofern dafür ausreichend medizinisches Personal zur Verfügung steht. Im Moment liegt der Anteil der Covid-19-Fälle an der Gesamtzahl der belegten Intensivbetten sowohl in Leipzig als auch in den beiden Landkreisen Leipzig und Nordsachsen bei rund 3,5 Prozent.

 

Die Labore haben ihre Kapazitätsgrenzen hingegen erreicht. Wird zu viel getestet?

Unser Gesundheitsamt muss sich bei seiner Teststrategie an die Richtlinien des Robert-Koch-Instituts halten. Mit Interesse habe ich am Dienstag dessen Ankündigung vernommen, dass nicht mehr alle Patienten mit Erkältungssymptomen getestet werden sollen, weil dann jede Woche bundesweit mehr als drei Millionen PCR-Tests analysiert werden müssten, was weder möglich noch erforderlich sei. Sich stattdessen auf Personen zu konzentrieren, bei denen mehrere typische Covid-19-Symptome zusammenkommen oder die zur Risikogruppe gehören oder direkten Kontakt zu einem Infizierten hatten, halte ich für richtig.

 

Ist das Gesundheitsamt bei einem Inzidenzwert von deutlich über 50 überhaupt noch in der Lage, Kontakte zu ermitteln und Infektionsketten zu unterbrechen?

Neben der besonderen Aufmerksamkeit für den Schutz von Risikogruppen ist das unsere einzige Chance, eine unkontrollierte Verbreitung des Virus und damit die mögliche Gefährdung vieler Menschen zu verhindern. Mit dieser Aufgabe können wir unser Gesundheitsamt natürlich nicht allein lassen. Das ist nur mit interner und externer Hilfe lösbar.

 

Wer unterstützt das Amt bei dieser Mammutaufgabe?

Unterstützt werden die Infektionsstäbe in Delitzsch und Torgau derzeit von rund 25 Mitarbeitern aus anderen Bereichen des Landratsamtes, von sechs Bundeswehrangehörigen, sechs Mitarbeitern des Finanzamts, einem Experten vom Robert-Koch-Institut, zehn Studenten der Fachhochschule Meißen und elf Beschäftigten der Landesdirektion Sachsen. Weitere Behörden des Freistaats und das THW haben ebenfalls signalisiert, bei Bedarf sofort mitzuhelfen.

 

Warum lässt sich das Infektionsgeschehen nicht mehr lokal begrenzen, gelten Verordnungen und Verfügungen immer gleich landes- oder landkreisweit?

Die Inzidenzwerte gelten immer für den gesamten Landkreis und nicht für einzelne Orte. Wenn sie niedrig sind, kann das Gesundheitsamt sehr genau nachvollziehen, wo sich Infektionsketten bedrohlich aufbauen und gezielt dagegen einschreiten. Das ist uns im Frühjahr und Sommer hervorragend gelungen. Jetzt haben wir allerdings eine sehr diffuse Situation. Bei der Mehrzahl von Infektionen lässt sich weder feststellen, woher sie kommen, noch lässt sich sagen, woher sie nicht kommen. Wenn sich die Infektionswege von Mensch zu Mensch nicht mehr nachvollziehen lassen, dann müssen die persönlichen Kontakte minimiert werden, um die Ansteckungsgefahr zu verringern. So ist die Logik der Regeln, und diese wirken nur flächendeckend. Für uns Menschen als soziale Wesen, die in Beziehungsvielfalt leben wollen, sind solche Einschnitte natürlich nicht so leicht zu akzeptieren.

 

Lassen sich die Regeln überhaupt kontrollieren?

Ein demokratisches Gemeinwesen muss zuallererst auf Vernunft, Verständnis und Verantwortung seiner mündigen Bürger setzen, die sich die Regeln für ihr Zusammenleben geben. Regeln lassen sich ändern, müssen aber eingehalten werden, so lange sie existieren. Punktuell lässt sich das kontrollieren, um Unvernünftige zu ermahnen. Den totalen Überwachungsstaat halte ich aber auch nicht für wünschenswert. Als Landrat setze ich eher auf kommunale Eigenverantwortung und stehe dazu in engem Kontakt mit den Bürgermeistern unserer 30 Kommunen. Da geht es auch um ganz konkrete Fragen zur Umsetzung der Corona-Schutz-Verordnung wie beispielsweise um die Maskenpflicht im öffentlichen Raum und die Kennzeichnung entsprechender Straßen und Plätze. Hier sind Kreativität und Sensibilität in Kenntnis der konkreten Situation vor Ort gefragt, statt martialisch die Keule zu schwingen.

 

Werden wir mit dem Virus leben müssen?

Wir müssen die Risiken realistisch einschätzen lernen, wir können das Leben nicht komplett einstellen. Das wäre wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. Das Leben ist und bleibt nun mal lebensgefährlich, einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht. Wir werden aber immer mehr über dieses Virus erfahren, entsprechende Medikamente entwickeln und wie so oft in der langen Menschheitsgeschichte bestimmt auch die passende Immunantwort finden. Da bin ich Optimist. Unnötige Opfer zu vermeiden, darauf kommt es jetzt an – und zwar in jeder Hinsicht.